Interview mit Jessica Heß, 50 Jahre, Hörakustik-Meisterin und Sina Heß, 22 Jahre, Hörakustikerin​

Jessica Heß, Sina Heß​

Sina Jessica Hörakustikerinnen_neu​Seit wann sind Sie als Hörakustikerin tätig?

Nach dem Abitur 1989 habe ich die Ausbildung gemacht und bin seitdem in dem Beruf tätig.

Wie wird man Hörakustiker?

Ich bin eine geborene Geuter und habe das Unternehmen von meinem Vater übernommen. Der war zunächst Optiker und danach wurde er auch Hörakustiker. Die Ausbildung nach der Schule habe ich nicht im elterlichen Unternehmen gemacht. Ich kam erst danach ins Familienunternehmen. Nach dem Abitur war für mich klar, dass ich nicht studieren, sondern eine Ausbildung machen wollte und durch die familiäre Prägung war die Richtung dann recht schnell klar. Bereut habe ich meine Entscheidung zu keinem Zeitpunkt!

Wie sehen der Alltag und die damit verbundenen Aufgaben aus? Für was sind Sie persönlich zuständig?

Als Hörakustikerin begleite ich die Kunden von Anfang an und vollumfänglich. Das beginnt in der Regel mit einer ärztlichen Verordnung, einer Hörmessung sowie Beratung und Aufklärung. Anschließend folgen ein Abdruck vom Ohr und danach das terzo-Gehörtraining. Aber damit bin ich noch nicht fertig. Ich bin auch weiterhin für die Kunden da. Service, Nachsorge, Nachjustierungen, Reparaturen und auch die Abrechnung mit der Krankenkasse gehören zu meinen Aufgaben. Wir versuchen in dem ganzen Prozess immer das Beste für die Kunden herauszuholen.

Gibt es daneben weitere Themengebiete mit welchen ein Hörakustiker zu tun hat?

Wir beraten auch rund um das Thema „angepasster Gehörschutz“ bei Lärmarbeitsplätzen. Wer Vorsorge betreibt, hört länger gut! Nicht vergessen sollte man das ganz besonders bei Kindern! Momentan gibt es zwar keine Konzerte oder Sportveranstaltungen, sollte dies aber wieder möglich sein und man mit Kindern eine laute Veranstaltung besuchen wollen, gilt es unbedingt an Gehörschutz für die Kleinsten zu denken! Hier helfen wir gerne weiter. Ein Fachbereich wo man vielleicht nicht zuallererst an uns denkt!

Beschreiben Sie Ihren Arbeitsalltag in 3 Worten.

Abwechslungsreich. Interessant. Vielseitig.

Wieso haben Sie sich genau für diesen Beruf entschieden?

Jetzt arbeite ich ja in unserem Familienunternehmen. Das ich einmal hier lande, war lange Zeit nicht klar. Eigentlich hatte ich eine ganz andere Ausbildung begonnen. Dort wurde ich aber nicht glücklich. Deshalb brach ich diese nach ca. sieben Monaten ab. Dann stand ich erst einmal da und wusste nicht was ich nun machen sollte. Also versuchte ich es mit einem Praktikum und schaute mir den Beruf Hörakustiker doch einmal an, nicht im elterlichen Unternehmen, sondern in einem anderen Betrieb. Und ich war überrascht. Obgleich ich ja dachte, ich wüsste was meine Mutter arbeitet, hatte ich nicht erwartet, dass mir diese Tätigkeit so gut gefallen würde.

Ich hatte Sina schon immer in dem Beruf gesehen. Ich wollte sie aber nicht dazu nötigen. Keines meiner Kinder hätte die Firma übernehmen müssen. Es freut mich aber sehr, dass sie sich nun dafür entschieden hat, diesen Weg zu gehen und dass er ihr so viel Freude macht.

Was macht Ihren Beruf so spannend? Welche Stärken/Fähigkeiten braucht man für Ihren Beruf?

Der Beruf macht einfach mega viel Spaß. Er ist so abwechslungsreich und ich helfe anderen Menschen wirklich. Man sieht den Erfolg der eigenen Arbeit unmittelbar und man schenkt seinen Kunden mehr Lebensqualität.

Es gibt eine große Bandbreite an Tätigkeiten: der Umgang mit der Kundschaft, klassische Bürotätigkeiten, technische und handwerkliche Aufgaben sowie die terzo-Gehörtherapie. Als Fähigkeiten sollte man – neben einem handwerklichen Geschick – auch mitbringen, dass man Lust darauf hat bei jedem Kunden individuell auf die Bedürfnisse einzugehen.

Was fällt Ihnen schwer im Beruf?

Meine Ausbildung habe ich nicht im Familienbetrieb gemacht. Seit 01.02.2021 bin ich nun erst hier. Ich lerne also gerade noch die hausinternen Abläufe. Am Beruf selbst fällt mir eigentlich nichts schwer. Natürlich gibt es mal Spezialfälle, die man dann im Sinne des Kunden versucht zu lösen und es gibt auch „besonders anspruchsvolle“ Kunden, aber das gehört alles dazu. (lacht)

Was waren die beruflichen Meilensteine, die Sie bisher bewältigt haben?

1989 Abitur und danach die Ausbildung – 1997 meinen Abschluss als Meisterin – und 2009 die Übernahme des Unternehmens vom Vater.

Wo findet Ihre Arbeit statt?

Vor allem in den Hörräumen und der Werkstatt, aber eben auch im Verkaufsraum und im Büro.

Gibt es Besonderheiten in Ihrem Beruf (Arbeitskleidung, Arbeitszeit, Ort…)?

Öffnungszeiten sind bei uns Arbeitszeiten. Alle paar Wochen gehört dann auch mal ein Samstagsdienst dazu. Der Beruf schränkt privat nicht ein. Da gibt es keine Besonderheiten. Unsere Arbeitskleidung ist in „weiß“ gehalten. Wir bieten ja nicht nur die Technik zum besseren Hören, sondern auch terzo-Gehörtrainings. Das „Weiß“ steht deshalb für unseren therapeutischen Ansatz.

Was war Ihr Traumberuf als Kind?

(Lacht!) Ich hatte die klassischen Mädchen-Wunschvorstellungen! Als es ernst wurde, wusste ich dann aber nicht, was ich machen soll! Deshalb ging vermutlich die erste Berufswahl schief.

Wie sind Ihre Aussichten im Beruf? Welche Weiterbildungen oder Aufstiegsmöglichkeiten gibt es?

Nach der Ausbildung kann man den Meister machen. Außerdem gibt es Spezialisierungsgebiete wie z.B. die Versorgung von Kindern. Auch ein Studium ist möglich. Hier steigt man dann noch tiefer in die Themengebiete Technik und Physik ein. Denkbar wäre dann eine Tätigkeit in der Entwicklung.

Was können Sie Leuten empfehlen, die sich für Ihren Beruf, interessieren?

Die Berufsbezeichnung alleine klingt zunächst wenig interessant. Deshalb: Macht ein Praktikum! Erst dadurch bekommt man wirklich einen Eindruck.

Welche war die beste Entscheidung in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Ganz klar die Übernahme des elterlichen Betriebs von meinem Vater.

Viele Generationen von Kindern mussten sich bereits von den Eltern anhören: „Hör nicht so laut Musik du bekommst sonst schlechte Ohren!“ Können Sie aus der beruflichen Erfahrung heraus bereits feststellen, dass die Leute heute tatsächlich schlechter hören als früher?

Durchaus. Das liegt aber nicht nur an zu lauter Musik. Generell ist unser Leben heutzutage viel lauter als früher. Die Menschen können nicht mehr richtig abschalten, man hat fast immer und überall „Störgeräusche“. War das Durchschnittsalter unserer Kundschaft zu meinem Berufsbeginn vielleicht bei 70 Jahren, so liegt es heute eher bei 60 Jahren. Es spielt aber sicher mit rein, dass die Geräte heute unauffälliger sind als damals und dass man nicht mehr so die Scheu hat, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die technische Entwicklung der Geräte spielt da durchaus auch eine Rolle. Sie können heute ein Hörgerät gleichzeitig als Headset für das Handy benutzen. Solche Entwicklungen bringen den Menschen zusätzliche Lebensqualität.